Friday, November 23. 2007Altes Gedicht neu entdeckt
Es ist noch nicht so lange her, vielleicht 12 oder 15, 17 Jahre, da war ich von einem Gedicht sehr angetan: "Weg zum Bahnhof" von Günter Eich. Gerade habe ich es durch Zufall im Internet wiedergefunden. Sofort kamen verschüttete Erinnerungen wieder hoch. Dies war das erste(?) Gedicht, was ich aus freiem Willen gelernt hatte, obwohl es kein Pflichtstoff in der Schule war. Auch damals bin ich durch Zufall darauf gestoßen. Es erinnerte mich Tagtäglich an den Weg zur Schule, vor allem im Winter, wenn die Schornsteine der Altbauten qualmten. Ja, zu der Zeit habe ich sogar noch Feuer im Ofen machen müssen! Und da gab es einen Bäcker, da roch es immer so köstlich nach Semmeln. Man konnte sogar noch in jede beliebige Bäckereien reingehen und Milchsemmeln verlangen. Heute wissen die ja nicht mehr, was das ist (und wollen einem, wenn überhaupt, Rosinenbrötchen verkaufen). Damals hatte ich auch noch Platz für meine H0-Modellbahn. Ich war noch in dem Alter, in dem ich unter anderem Lokführer werden wollte. Und heute?
Heute finde ich den Beruf des Zugchefs ganz spannend. Beim Durchlesen des Textes kam mir dieser zunächst ziemlich holprig vor. Dieses Gedicht hatte ich auswendig gelernt? Doch nachdem ich wieder die Betonung drauf hatte, finde ich den Text nicht mehr so schlecht. Trotzdem bleibt die Frage: Was hatte mich damals so fasziniert? Heute ist es ein Gedicht, über das ich kurz schreibe und vielleicht wieder für einige Jahre vergesse. Oder denke ich morgen schon wieder anders darüber? Meine Deutschlehrerin sagte einmal sinngemäß: Gedichte sind Momentsache. Jetzt kann man sie so interpretieren, später ganz anders.
Ihr könnt euch ja selbst ein Bild von diesem Gedicht machen und mir schreiben, was ihr davon haltet. Weg zum Bahnhof (Günter Eich) Noch schweigt die Fabrik, verödet im Mondschein. Das Frösteln des Morgens wollt ich gewohnt sein! Rechts in der Jacke die Kaffeeflasche, die frierende Hand in der Hosentasche, so ging ich halb schlafend zum Sechsuhrzug, mich griffe kein Trauern, ich war mir genug. Nun aber rührt der warme Hauch aus den Bäckerein mein Herz wie eine Zärtlichkeit und ich kann nicht gelassen sein. Trackbacks
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