Nachdem ich mir die heutigen Tätigkeiten der einzelnen Familien angesehen habe kam ich zu dem Ergebnis, dass heute der Tag der Arbeit sein musste. Anstatt den offiziellen Fall der Mauer vor 17 Jahren zu feiern, wurde Wäsche gewaschen, Fenster geputzt, die Wohnung gesaugt oder renoviert. Dabei wurde den ganzen Tag im Radio vom "Tag der deutschen Einheit" gesprochen: Politiker schwangen Reden, beglückwünschten den Aufbau Ost und Zeitzeugen erklärten, wo sie vor siebzehn Jahren waren oder was sie taten. Sie können glücklich sein, denke ich. Ich weiß es nicht mehr. Und weiter geht mein Gedankenstrom: Ja, wo ist denn die Einheit? Wo sind denn die West-Renten und die West-Löhne im Osten? Wieso wird als Antwort auf die Frage der Herkunft noch immer mit Ost oder West und nicht mit Sachsen, Thüringen oder Brandenburg geantwortet? Wieso wird noch immer sehr oft ein Bürger aus den neuen Bundesländern im Westen als Ossi angesehen und ein Bürger aus den gebrauchten Bundesländern als Wessi, und nicht als BRD-Bürger?
Wenigstens die blühenden Landschaften werden Realität. Alte Firmen, die nach der Wende aufgekauft und pleite gegangen wurden, werden nun abgerissen. Gleiches mit Wohnhäusern. Dafür entstehen nun riesige Wiesen. Auch ein Traum sind diese riesigen Glaspaläste, durch die der Hartz-4-Empfänger das Treiben der arbeitenden Bevölkerung beobachten kann. Wer hier an Big Brother oder die Stasi denkt, irrt. Das ist moderne Architektur! Nichts im Vergleich mit den Betonbauten zu DDR-Zeiten. Zum Glück kann man über Architektur streiten.
Und wenn ich mir überlege wie viele Menschen nun die neue Reisefreiheit nutzen. Manche, die 1989 auf die Straße gingen, sind noch nicht einmal bis Bayern, geschweige denn ins restliche Ausland gereist; fühlten sich aber zu DDR-Zeiten eingeschlossen. In Ordnung, das nennt sich nun Meinungsfreiheit. Darf man jetzt haben, gab es ja angeblich zu DDR-Zeiten nicht. Ich bin zu jung um das zu beurteilen.
Auch geändert hat sich die Überwachung des Staates. Der Bundestrojaner wird nicht gegen Regimegegner, sondern gegen Terroristen eingesetzt. Gleiches beim Abhören von Telefonen und der Idee des internen Einsatzes der Bundeswehr. Ja, es gibt Dinge, die sich nicht geändert haben. Das soll auch kein klischeehaftes Ostler-Gemecker sein. Man macht sich nur seine Gedanken. Fakt ist, dass ich, wenn die Wende nicht gekommen wäre, anders aufgewachsen und etwas anderes gelernt hätte. Die DDR wäre technisch gesehen bestimmt noch weiter zurück. Würde man als DDR-Normalbürger überhaupt wissen was Internet ist? Was hätte der Staatsrat beim sogenanten Jahrhunderthochwasser unternommen? Fragen über Fragen, die letztendlich Geschichtswissenschaftler beantworten sollten, wenn sie lange Weile haben. Für mich ist auf alle Fälle erst "Tag der Deutschen Einheit", wenn die BRD als ein Land mit mehreren Bundesländern angesehen wird und die Teilung zwischen Ost und West nur noch auf der Wetterkarte passiert. Und das kann leider dauern. Vor allem bei den Politikern.